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Portrait

Dr. Annelies Furtmayr-Schuh, Gräfelfing/München
( in der Zeitschrift "Fortschritte der Medizin", April 1998, Nr. 11, 116. Jahrgang, gekürzt)

 

 

"Heilen bedeutet, die Selbstheilung des Patienten zu unterstützen"

Einen "ärztlichen Dinosaurier", nannte der Berliner KV-Vorsitzende Roderich Neels den Arzt Helmut Milz. Der denkt über so vieles Sachen nach, für die wir gar keine Zelt mehr haben." Tatsächlich beschäftigt sich der schlanke, hochgewachsene 48jährige Allgemeinarzt und Psychosomatiker mit neuen Konzepten in der Medizin. Dabei scheut der Autor und Herausgeber mehrerer Bücher sowie zahlreicher Artikel in Fachzeltschriften verschiedener medizinischer Disziplinen nicht davor zurück auch mit Berufsgruppen aus der alternativen Gesundheitsszene zu tagen und gemeinsame Projekte zu unternehmen. Nach seiner Vision von der Medizin als Heilkunde und Heilkunst - wobei er den Begriff Vision als Strategie zum Handeln begreift - darf der Mensch nicht länger Objekt ärztlicher Tätigkeit sein, sondern muß als Subjekt mit seiner ganzen Leiblichkeit, seinen Bedürfnissen, Ängsten und Lebensbedingungen im Zentrum der Medizin stehen.

 

Fortschritte der Medizin

Der passive Patient gehört der Vergangenheit an

Daß die Patienten ein solche Haltung heutzutage bereits einfordern, erlebt Milz selbst in seiner Landpraxis im tiefsten Oberbayern, in Marquartstein. Der passive Patient ist inzwischen vom eigenwilligen Individuum abgelöst worden. Berührungsängste mit neuen Therapien kennt Milz nicht. Sein erstes Buch "Ganzheitliche Medizin - neue Wege zur Gesundheit" präsentierte die kassenärztliche Bundesvereinigung 1986 vor rund 1000 Kollegen. Ihr Vorsitzender, Professor Siegfried Hugler, wollte damit Vorurteile abbauen. Denn für die Ärzte sei es angesichts der Konkurrenz durch andere Berufsgruppen von existentieller Bedeutung, eine Synthese zu finden und in die Praxis umzusetzen zwischen den Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Medizin und dem uralten ärztlichen Wissen um den Menschen als geistig-seelisch-körperliche Einheit. (...)

   

Zuerst "richtige Medizin" gelernt

Den Lehrjahren in Berlin folgten Wanderjahre durch verschiedene Kliniken und Praxisvertretungen. Vor der Psychosomatik lernte Milz erst einmal "richtige Medizin": zuerst am städtischen Krankenhaus Berlin- Kreuzberg, wo, rund um die Uhr "genäht, genagelt und gehämmert" wurde, danach folgten Geburtshilfe in einem katholischen Haus und eine sehr selbständige Assistenz bei Dr. Werner Tang, dem Leiter der Internistischen Klinik Theodor Wenzel am kleinen Wannsee in Berlin, einer bekannten "Brutstätte" für Psychosomatiker. (...)


   
Arbeit bei der WHO

Bevor Helmut Milz in eigener Praxis mit Patienten zu arbeiten begann, schlug er für einen deutschen Arzt recht ungewöhnliche Wege ein. Für zweieinhalb Jahre - von 1985 bis 1987 - arbeitete Milz bei der WHO in Kopenhagen als Berater der heutigen WHO-Direktorin Dr. Ilona Kickbusch an einer salutogenetischen Neugestaltung der Public Health -des öffentlichen Gesundheitswesens. Und er wurde Mitgestalter der Ottawa Charta vom November 1986, einem Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen Denken im öffentlichen Gesundheitswesen. Das von ihm mitinitiierte Projekt "Health-promoting hospitals" findet inzwischen weite Anwendung. Rund 500 Krankenhäuser und Universitätskliniken in Europa haben sich unter dem salutogenetischen Gedanken zu einem Netzwerk verbunden und geben den Patienten über die Operation hinaus neue Lebensperspektiven mit auf den Weg.

 



 

Körpertherapie statt Karriere

Leicht hätte Milz eine WHO-Karriere einschlagen können, er war damals 36 Are alt. Aber er gab "den hohen Status in diplomatischen Dienst" auf und ließ sich im Esalen-Institut in Kalifornien zum Körpertherapeuten ausbilden. Karriereknick? "Nein, mich interessiert: Was ist möglich, und nicht so sehr der Sessel, auf dem man sitzt." Die letzte Weiche auf Milz' Weg zur Psychosomatik war die Klinik für psychotherapeutische Medizin von Professor Manfred Fichter am Chiemsee, wo Milz eine Oberarztstelle innehatte. Nach sechs Jahren verließ er die Klinik Roseneck wieder und eröffnete als einer der ersten Ärzte in Deutschland eine eigene Praxis für psychotherapeutische Medizin. (....)

   
Wahrnehmungen des Körpers vernachlässigt

" Wir vernachlässigen in der Medizin die Wahrnehmungen des Körpers. Wir fragen zwar den Patienten, wo tut's weh, haben aber dann sofort ein Bild im Kopf. Und wenn sich zwischen Symptom und Pathologie keine Verbindung herstellen läßt, sagen wir, dem Patienten fehlt nichts. Der aber spürt dennoch etwas." Dieses Defizit treibt viele Patienten in die Arme alternativer Therapeuten. Es gibt heute neben schlechten auch sehr gut ausgebildete Körpertherapeuten, zum Beispiel in den Bereichen Eutonie, Feldenkrais-Technik, Gestalttherapie oder Atemtherapie: Aber wir kooperieren zu wenig mit ihnen." Milz sieht in enger werdenden Gesundheitsbudget kein Unglück, sondern eher eine Chance für die Medizin, neue Wege auszuprobieren. Apparative Diagnostik und Intervention können immer nur Hilfsmittel sein. Wo diese Hilfsmittel in der Gebührenordnung dominieren, stellen sie nach der Meinung von Helmut Milz die Weichen. Für eine krankheitsorientierte Medizin und damit gegen eine Medizin, die sich an einem positiven Gesundheitsbegriff ausrichtet.

Wettbewerb auch für die Ärzte


Milz sieht für die Zukunft, dass die Kassen, die seit diesem Jahr im Wettbewerb stehen, auch die Arzte in den Wettbewerb drangen werden. Dann wird der Arzt die Erlaubnis bekommen, auf dem Schild zu schreiben, wofür er qualifiziert ist, wie es anderswo längst üblich ist. Kaum ein Patient weiß ja, welche Beschwerden ein Arzt für psychotherapeutische Medizin behandelt. Die Chance der Medizin liegt in der Vielfalt. Das Arztbild wird sich stärker aufspalten und vom Spezialisten bis hin zum alten Bild des Heilers alle Bereiche umfassen. Dabei versteht Helmut Milz Heilen als praktische Unterstützung der Selbstheilung. Wenn der Arzt das aus dem Augen verliere, werde er zum bloßen Reparateur. Jede Heilung sei im Grunde Selbsthellung: "Daran glaube ich, und ich bilde mir nicht ein, daß ich je einen Patienten geheilt habe. Ich habe ihm geholfen seinen Weg zu finden. - Medicus curat, natura sanat."